Über dieses Instrument
Diese Violine von Carlo Carletti, entstanden um 1920, ist ein besonders schönes und qualitativ hochstehendes Beispiel seiner Arbeit. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass es sich hier nicht um eines der eher einfach gehaltenen Instrumente aus seinem Umfeld handelt, sondern um eine sehr sorgfältig ausgeführte Geige mit ausgesprochen italienischem Charakter und einer Qualität, die sich durchaus mit guten Arbeiten von Ettore Soffritti vergleichen lässt.
Carlo Carletti wurde 1873 in Pieve di Cento bei Bologna geboren und gehört zu den interessanten Persönlichkeiten der italienischen Geigenbaugeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Ursprünglich beschäftigte er sich mit Antiquitäten und Möbelrestaurierung, bevor er sich zunehmend dem Geigenbau widmete. Dabei stand er in engem Kontakt mit bedeutenden Meistern seiner Zeit: Er lernte im Umfeld von Raffaele Fiorini, wurde von Augusto Pollastri und Ettore Soffritti beeinflusst und arbeitete später auch für die renommierte Mailänder Werkstatt von Leandro Bisiach, für die er Instrumente im Rohbau fertigte. Gemeinsam mit Luigi Mozzani und Anselmo Gotti war er außerdem am Aufbau der Instrumentenproduktion in Cento beteiligt. Seine eigenen, persönlich ausgeführten und etikettierten Instrumente sind vergleichsweise selten.
Gerade diese Verbindung verschiedener bedeutender italienischer Schulen macht Carletti heute so interessant. Seine Arbeiten stehen zwischen der Bologneser und Ferrareser Tradition und zeigen häufig ein von Stradivari abgeleitetes Modell, kombiniert mit einer sehr persönlichen Handschrift. Die besten Instrumente besitzen jedoch eine Feinheit und Eleganz, die deutlich über den eher werkstattmäßig geprägten Arbeiten aus seinem weiteren Umfeld hinausgeht. Zeitgenössische und heutige Fachquellen stellen seine Arbeit insbesondere in Verbindung mit Soffritti, Bisiach und Fiorini; außerdem ist bekannt, dass Carletti bevorzugt heimische Ahornarten und charaktervolle orange- bis rötlichbraune Lacke verwendete.
Das vorliegende Instrument zeigt genau diese Qualitäten. Der zweiteilige Ahornboden besitzt eine breite, weich verlaufende Flammung, während die Zargen eine wesentlich kräftigere und sehr attraktive Zeichnung zeigen. Die Decke besteht aus schön gewählter Fichte mit gleichmäßigem Jahresringverlauf. Besonders gelungen sind die langen, eleganten F-Löcher sowie die fein ausgearbeiteten Ränder und Ecken. Die Schnecke ist kräftig und zugleich sehr harmonisch geschnitten und besitzt jene etwas eigenständige, tief modellierte Form, die für Carlettis bessere Arbeiten charakteristisch ist.
Sehr schön ist auch der warme goldorange bis leicht rötliche Lack, der dem Instrument viel Tiefe verleiht und die Struktur des Holzes hervorragend hervorhebt. Der Lack wirkt nicht steril oder übermäßig perfekt, sondern besitzt jene natürliche Lebendigkeit, die man bei guten italienischen Instrumenten dieser Zeit sucht. Die Geige befindet sich zudem in einem außergewöhnlich guten, rissfreien Erhaltungszustand, was bei einem Instrument von rund hundert Jahren zusätzlich bemerkenswert ist.
Klanglich bestätigt die Geige den starken Eindruck ihrer äußeren Erscheinung. Der Ton ist rund, kraftvoll und substanzreich, ohne hart oder aggressiv zu werden. Sie besitzt eine sehr gute Grundfülle, gleichzeitig genügend Brillanz und Obertöne, um sich auch in größerem Raum überzeugend durchzusetzen. Besonders angenehm ist die Verbindung aus Wärme und Tragfähigkeit: Der Klang bleibt auch bei stärkerem Bogendruck geschlossen und hochwertig und lässt sich dynamisch sehr gut formen.
Für uns ist dies eines jener Instrumente, bei denen Erbauer, Erhaltungszustand, handwerkliche Qualität und Klang außergewöhnlich gut zusammenkommen. Gute eigenständige Arbeiten Carlo Carlettis sind deutlich seltener als Instrumente, die lediglich aus seinem Werkstattumfeld stammen. Dieses Exemplar gehört nach unserer Einschätzung zu seinen besonders schönen Arbeiten und erreicht sowohl in der Ausführung als auch in seiner gesamten Erscheinung ein Niveau, das bereits an die besseren Instrumente Ettore Soffrittis heranreicht.
Carlo Carletti, Pieve di Cento, ca. 1920 – ein ausgesprochen feines, rissfrei erhaltenes italienisches Instrument mit viel Charakter, Qualität und einem kraftvollen, runden und farbenreichen Klang

